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„Wir verteufeln die Dinge nicht“ Interview:

27.01.2018, SALUTOGENESE Für den Mediziner Johannes Oepen ist Gesundheit ein relativer Be­griff / Es geht um die Freude am Leben und die Bewältigung von Einschränkungen

BAD KREUZNACH. Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky hat vor 40 Jahren den Begriff der Salutogenese geprägt. Er setzt sich aus lateinisch Salus für Wohlbefinden und Genese für Entstehung zusammen. Wie der israelisch-amerikanische Forscher geht auch der Bad Kreuznacher Arzt Dr. Johannes Oepen davon aus, dass Gesundheit viel mit der eigenen Einstellung und weniger mit Abwesenheit von Krankheit zu tun hat.                        

Wie entsteht Gesundheit, Herr Oepen?

Total gesund und total krank gibt es im Alltag nicht. Jeder ist ein bisschen von beidem betroffen. Wichtig ist, wie sich der jeweilige Zustand im Alltag auswirkt. Man kann den Haarausfall auf dem Kopf, also eine Glatze, als Belastung ansehen. Genauso kann man für sich feststellen, dass offenbar der Hormonhaushalt in Ordnung ist. Früher haben Mädchen geweint, wenn sie eine Klammer bekamen; heute weinen manche, weil sie keine bekommen. Gesundheit ist ein relativer Begriff. Es kommt auf die Bela­stung an, die daraus ent­steht.

 

Wie stark ist Gesundheit von genetischen Voraussetzungen abhängig?

Man spricht von guten oder schlechten Genen, der Fachmann nennt das Disposition.

 

Heißt das, manche haben seit Geburt schlechtere Startvoraussetzungen?

Das muss nicht sein. Ich habe eine Veranlagung zu Asthma. Das ist erst im Alter von 35 aufgetreten. Als Jugendlicher konnte ich wegen der bronchialen Überempfindlichkeit nicht rauchen. Das hat mir den Spott der Mitschüler eingebracht, aber alle Folgeerkrankungen des Rauchens erspart. Bei der Salutogenese geht es auch um die Bewältigung von Einschränkungen. Wenn etwas medizinisch nicht mehr normal ist, muss es noch keine Krankheit sein.

 

Wie sollte ein Arzt damit umgehen?

Die Entscheidung, wie notwendig eine Behandlung ist, muss letztlich der Patient selbst treffen. Dazu erzähle ich gerne folgenden Witz: Ein 65-jähriger Patient fragt seinen Arzt, wie er 100 Jahre alt werden kann. Der sagt: ‚Sie verzich­ten auf Rauchen, Völlerei, Saufen und Beischlaf†˜. ,Werde ich so 100†˜? ,Es kommt Ihnen zumindest so vor†˜.

 

Was sagt uns das?

Es geht darum, Freude am Leben zu haben. Freude an dem, was wir vorfinden und das Beste draus zu machen.

 

Engen Maßregeln und Vorschriften den Menschen in seinen freien Entscheidungen nicht ein?

Die Regeln müssen aus dem Menschen selbst kommen. Wenn ich aber nicht weiß, wohin ich will, dann bekomme ich Ratschläge von anderen. In der Salutogenese verteufeln wir die Dinge nicht, denn es gibt keine absolute Gesundheit.

 

Hat Salutogenese auch mit der inneren Einstellung zu tun?

Wir sprechen von Kohärenz, die sich aus Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit zusammensetzt. Der Begründer der Salutogenese, Aaron Antonovsky, fand dieses Bild: Wir retten einen Menschen nicht unbedingt, den wir aus dem Fluss retten. Er könnte ein weiteres Mal reinfliegen. Wichtiger ist es, ihm zu helfen, den Kopf über Wasser zu halten - durch Schwimmen oder mit einem Floß - sodass er dem „Strom des Lebens“ folgen kann.

 

Diese Theorie ist jetzt 40 Jahre alt, gilt sie noch?

Im Kern ja. Geändert hat sich, dass wir die Krankheits- und die Gesundheitsentstehung nicht mehr als unbedingte Gegensätze sehen. Beispiel: Ein Magengeschwür entwickelt sich aus Bakterien, die sich bei Stress oder Belastung eher ansiedeln. Wir können es mit langwierigen Therapien zur Verhaltensänderung bekämpfen oder sehr schnell und wirkungsvoll mit Antibiotika. Ein Arzt sollte beide Methoden kennen und je nach Patient schauen, was besser hilft.

 

Sie arbeiten viel mit adipösen, also stark übergewichtigen Kindern. Wie bringen Sie diesen oft sozial benachteiligten Kindern Resilienz, also Widerstandsfähigkeit bei?

Wir sprechen nicht von benachteiligten, sondern von belasteten Kindern. Ihnen zu sagen, dass sie weniger essen und sich mehr bewegen müssen, ist eigentlich vergeudete Zeit. Das haben die schon hundert­mal gehört. Wir müssen diese Kinder stark machen, zum Beispiel gegen das Stigma ,du bist fett†˜ und ihnen den Spaß an der Bewegung, an der Anstrengung vermitteln. Vorbeugend geht auch eine Menge. Das fängt mit dem Schulweg zu Fuß an und hört bei der Abwechslung vom Computerspiel, einer besonders gefährlichsten Quelle für Adipositas, nicht auf.

 

Was bedeutet Salutogenese für Sie selbst?

Auch ich neige zum Übergewicht. Dazu sitze ich von morgens bis abends am Schreibtisch. Aber ich habe mit 65 noch Freude daran, mich anzustrengen. Ich laufe die Treppe und will oben immer unter den Ersten sein. Ich esse mich nicht pappsatt, nehme kleinere Portionen. Wir nehmen das, was im Kühlschrank ist und rennen nicht noch schnell zum Supermarkt. Übrigens esse ich bevorzugt abends, weil da fast die einzige Gelegenheit ist, meine Frau länger zu sehen. Mit ihr verheiratet zu sein, ist ein großes Glück. Meine Freude an sozialen Beziehungen wird mit meinen Kindern und Enkelkindern vollkommen.

 

Das Interview führte Stefan Schröder.

 

ZUR PERSON

 

Dr. med. Johannes Oepen ist Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin sowie für physikalische und rehabilitative Medizin. Seit 1990 ist er Chefarzt der Rehabilitations- und Vorsorgeklinik Viktoriastift Bad Kreuznach (Abteilungen Allgemeinpädiatrie und Neuropädiatrie). Dr. Oepen ist Mitglied in vielen Fachgesellschaften und unter anderem Vorsitzender des Adipositasnetzwerks Rheinland- Pfalz e.V. Er beschäftigt sich in seinem Beruf vor allem damit, was Kinder stark macht.

 

Allgemeine Zeitung, 27. Januar 2018

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