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Szenen des stillen Schreckens

27.01.2018, GEDENKFEIER RFK erinnert an Opfer des Nationalsozialismus / Theater-AG des Aufbaugymnasiums spielt Stück

Von Svetlana Leitz

ALZEY. „Morgen ist der Bub nicht mehr da“, murmelt die Krankenschwester im Theaterstück gedankenlos vor sich hin. Die Mutter eines Patienten fragt beunruhigt nach, lässt sich aber abwimmeln. Am nächsten Tag wird ihr in der Klinik mitgeteilt, dass Sohn Ludwig verlegt wurde, es werde mehr Platz für Kriegsverwundete benötigt. Wohin, dürfe man ihr nicht sagen. Später kommt ein Brief. Ludwig sei „plötzlich und unerwartet an einer akuten Hirnhautentzündung gestorben“.

Die Szenen, die von der Theater-AG des Aufbau- und Kunstgymnasiums während der Gedenkveranstaltung gespielt werden, sind nicht ausgedacht. Zusammen mit Renate Rosenau von der Arbeitsgruppe „Psychiatrie im Nationalsozialismus in Alzey“ wurden reale Schicksale von Menschen der Umgebung erarbeitet und in einem Theaterstück umgesetzt.

Schüler setzten sich mit Geschichte auseinander

Die Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus in der Rheinhessen-Fachklinik (RFK) fand am Freitagmorgen statt, einen Tag bevor sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 73. Mal jährt. Sie erinnert an die Verbrechen und systematischen Ermordungen von psychisch Kranken und Behinderten im Rahmen des sogenannten „Euthanasieprogramms“ der Nazis. Die Veranstaltung wird von Astrid Henning an der Orgel und Claudia Schmitt an der Querflöte begleitet. In ihrer Begrüßung mahnt Dr. Anke Brockhaus-Dumke, die ärztliche Direktorin der Rheinhessen-Fachklinik, dass die Verbrechen zur Zeit des Dritten Reichs zeigen, „was passiert, wenn Machtinteresse humanitäre Gedanken verdrängen.“

Die Klinikseelsorger Dr. Gerald Schwalbach und Stefan Brux führen gemeinsam durch den Gottesdienst. Schwalbach betont, dass auch Opfer in Alzey „entwürdigt, gedemütigt, deportiert und ermordet“ wurden. Zusammen lesen sie Verse aus dem 86. Psalm. „Du hast meine Seele aus der untersten Hölle errettet.“ Danach begeben sich die Besucher begleitet von Orgelmusik nach draußen zum Mahnmal direkt neben der Kapelle. Begleitet von einem nachdenklichen Flötenstück legen Vertreter der Rheinhessen-Fachklinik, des Landkreises Alzey-Worms, der Stadt Alzey und des Landesnetzwerks Selbsthilfe zum Gedenken vier große Kränze vor den fast 450 Namen der Menschen ab, die sich in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Hilfe erhofft, aber von den Nazis verstoßen, misshandelt und ermordet wurden.

Die Arbeitsgruppe „Psychiatrie im Nationalsozialismus in Alzey“ begann vor 24 Jahren zusammen mit der RFK und dem Alzeyer Museum, die Geschichte der Opfer aufarbeiten. Diese seien „von Staats wegen ermordet“, sagt Renate Rosenau und die Angehörigen über das Schicksal ihrer Familienmitglieder und Freunde belogen worden. In näherer Umgebung seinen über 1000 Menschen Opfer des Euthanasieprogramms geworden.

Im Theaterstück zeige sich, „was einzelnen Menschen von anderen angetan wurde“, meint Rosenau. Die Szenen sind wahre Begebenheiten, die aus den Rechercheergebnissen der Arbeitsgruppe stammen und symptomatisch für alle Naziverbrechen stehen.

Neben der Geschichte von Ludwig werden auch die Schicksale zweier junger Frauen gezeigt. Deren Familien versuchen, die vom „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ angeordnete Zwangssterilisation zu verhindern. Am Ende wird eine von beiden verschont, weil ihr Vater Mitglied der NSDAP ist. „Daran sieht man auch, dass es nicht um die Menschen an sich, sondern um Kontakte ging“, erklärt Luisa. Die Schüler aus den Klassen elf bis 13 hatten das Thema im Vorfeld mit Rosenau erarbeitet und aus realen Schicksalen der Umgebung Szenen für das Stück geschrieben. Unter anderem besuchten die Schüler auch die RFK und lasen in Patientenakten. „Es ist wichtig, das nachzuspielen, um es anderen Menschen zu vermitteln“, findet Tamara. Auch wenn viele der Verantwortlichen nie zur Rechenschaft gezogen wurden, wendet sich Luisa am Ende ans Publikum: „Wir vergessen nicht!“

Allgemeine Zeitung, 27. Januar 2018

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