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Auf eigenen Beinen

02.02.2018, EXOSKELETT High-Tech-Gerät ermöglicht gelähmten RFK-Patienten das Laufen

Von Pascal Widder

ALZEY. Es war am 12. Juni 2014 in Sao Paulo. Kurz vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft. Der 28-jährige Juliano Pinto tritt gegen den Ball. Ein symbolischer Anstoß vor der Partie des Gastgebers Brasilien gegen Kroatien. Das Besondere: Juliano Pinto ist querschnittsgelähmt. Eigentlich kann er seine Beine nicht bewegen. Dass er an diesem Abend den Schuss dennoch ausführen konnte, hat eine Apparatur ermöglicht, die er an seinem Körper trug und die den ein oder anderen sicher an die Comic-Figur Iron Man erinnert haben dürfte. Die Rede ist von einem Exoskelett. Ein High-Tech-Gerät, das es seit wenigen Woche auch in Alzey gibt. In der Neurologie der Rheinhessen-Fachklinik.

Patienten werden komplett vermessen

Dort soll es - meist aufgrund einer Lähmung - nicht mehr gehfähigen Patienten wieder auf die Beine helfen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Unterschenkellänge, Oberschenkellänge, Hüftbreite: Vor der erstmaligen Anwendung wird ein Patient komplett vermessen. So lässt sich das Gerät individuell an ihn anpassen. Befestigt wird das Exoskelett von den Therapeuten mit Schnallen am Fuß, am Knie und am Oberschenkel. Rund 20 Minuten dauert es, bis es losgehen kann.

Produziert im Silicon Valley

Die Schritte ermöglichen Motoren, die an den Hüft-, und Kniegelenken befestigt sind und von einem Computer, den der Patient auf dem Rücken trägt, gesteuert werden. „Eine hochkomplizierte Elektronik“, erzählt Dr. Christof Keller, Chefarzt der Neurologie. Kein Wunder, dass das Exoskelett im berüchtigten Silicon Valley in Kalifornien produziert wurde. Dort wo Google, Amazon, Facebook und andere Größen der IT- und High-Tech-Industrie ihren Sitz haben und regelmäßig für Innovationen sorgen.

„Das Exoskelett ist voller Sensoren, auch die beiden Platten, auf denen der Patient steht“, erklärt Keller, woher der Computer weiß, wann der Patient welchen Schritt machen will. „Sobald eine Gewichtsverlagerung erfolgt, merkt das Gerät das und führt einen Schritt aus.“

Exakt programmiert auf das Gangbild des Patienten.

Für den ist der Moment, wenn er das Exoskelett erstmals nutzen, ein ganz besonderer. „Dieses Gefühl, endlich wieder auf eigenen Beinen stehen und Schritte machen zu können ist eine unglaubliche Erfahrung“, sagt Keller. „Und er gibt eine unheimliche Motivation für die weitere Behandlung“, ergänzt Therapeut Jochen Gradwohl. Denn keineswegs sei es so, dass das Exoskelett die übliche Physiotherapie ersetze. „Eine Einsparung von Personal ist damit also auch nicht verbunden“, sagt Keller. Im Gegenteil: Um das Gerät nutzen zu dürfen, müssen immer zwei Therapeuten dabei sein. Zuvor sind aufwendige Schulungen nötig. Diese haben bisher vier von 23 Therapeuten der RFK-Neurologie absolviert. Weitere sollen folgen. Schließlich sind sowohl Keller als auch Gradwohl und vor allem die Patienten von dem 175 000 Euro teuren Gerät begeistert.

Ersetzt das Exoskelett den Rollstuhl?

„Ziel ist es, dass das Gehirn wieder Abläufe, die es eigentlich nicht mehr kann, lernt umzusetzen“, erzählt Gradwohl. „Im Idealfall heißt das, wieder laufen zu können. Eventuell mit einem Rollator oder einem anderen Hilfsmittel“, ergänzt Keller. Und dabei spiele nicht nur das reine Laufen eine Rolle. Das eigenständige Gehen habe laut Keller viele Auswirkungen: „Es ist für die Psyche, die Muskulatur, die Bänder und auch den Kreislauf wichtig.“

Die RFK ist erst die zwölfte Klinik in Deutschland, die ein solches Exoskelett nutzt. Doch das wird sich ändern. Keller ist überzeugt: „In zehn Jahren werden Patienten womöglich keinen Rollstuhl mehr haben, sondern sich komplett eigenständig in einem Exoskelett bewegen. Und wir waren von Anfang an dabei.“

URSPRUNG

Ursprünglich stammt die Technik der Exoskelette aus der Rüstungsindustrie . Beim Militär sollten sie Soldaten das Tragen schwerer Kampfausrüstung erleichtern.

Auch in der Industrie kommen Exoskelette schon länger zum Einsatz. Ziel ist es, Arbeitern beim Heben und Handhaben von Werkzeugen zu unterstützen. So kann beispielsweise eine schwere Schleifmaschine längere Zeit über dem Kopf halten, ohne sofort zu ermüden. Besonders gefragt sind Exoskelette auf Schiffswerften .

Allgemeine Zeitung, 2. Februar 2018

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