Fundierter Blick in die Zukunft von Neurologie und Psychiatrie

Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach startet mit Rhein-Mosel-Symposium ins Jubiläumsjahr zum 150-jährigen Bestehen

Gastgeber und Referenten (v. l.): Dr. Andreas Konrad, Prof. Gerhard Gründer, Prof. Gereon Fink, Prof. Kai Vogeley und Dr. Christian Bamberg. Foto: Wolfgang Pape

Mit der ersten Ausgabe des Rhein-Mosel-Symposiums gelang der Rhein-Mosel-Fachklinik (RMF) ein glänzender Auftakt ins Jubiläumsjahr zum 150-jährigen Bestehen der Klinik. Das Symposium mit dem Begleittitel „Neurologie und Psychiatrie im Wandel der Zeit“ wird nun jährlich stattfinden. Vier namhafte Wissenschaftler referierten zu für den klinischen Alltag relevanten Themen.

Der Ärztliche Direktor und Chefarzt der Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie der RMF, PD Dr. Andreas Konrad, und der stellvertretende Ärztliche Direktor und Chefarzt der Neurologie und Klinischen Neurophysiologie, Dr. Christian Bamberg, begrüßten mehr als 100 interessierte Fachleute. Die Gastgeber versprachen Einblick in neue diagnostische Methoden und Behandlungsstrategien sowie einen Blick von der Gegenwart in die Zukunft von Neurologie und Psychiatrie.

Umfangreiches Update zur Akuttherapie des Schlaganfalls
Prof. Dr. Stefan Schwab, Direktor der Neurologischen Klinik am Universitätsklinikum Erlangen, vermittelte in seinem Vortrag „Neues in der Akuttherapie des Schlaganfalls“ in konzentrierter Form einen Überblick über die aktuelle Studienlage und die Behandlungsrichtlinien einschließlich der neuesten Erkenntnisse bei der Schlaganfallbehandlung. Um nur wenige Beispiele zu nennen: Eine Studie ergab, dass der Klimawandel mit heißer werdenden Nächten ein Risikofaktor für Schlaganfälle darstellt. Eine Metanalyse bestätigte die Relevanz des 60-Minuten-Zeitfensters („Golden Hour“) bei der Behandlung eines ischämischen Schlaganfalls mit einer intravenösen Thrombolyse. Die Tenecteplase als zusätzliches Medikament zur Lysebehandlung beim akuten Schlaganfall hat sich etabliert und wird in vielen Zentren schon eigesetzt. Selbst die Kopflagerung von Patienten bei Schlaganfall vor einer sogenannten endovaskulären Schlaganfalltherapie (Thrombektomie) wurde in Studien getestet (eine flache Lagerung ergibt einen besseren Verlauf). Prof. Schwab berichtete zusätzlich über die aktuellen Standards der Sekundärprophylaxe von Schlaganfällen und ging zusätzlich auf weitere künftige medikamentöse Behandlungsansätze ein.

Neues zur Demenz-Therapie
Prof. Dr. Gereon Fink, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie an der Uniklinik Köln, gab ein Update zur Demenz-Therapie. „LATE“, die limbisch prädominante altersassoziierte Enzephalopathie als Unterform der Demenz, erklärte er, komme „sehr viel häufiger vor als angenommen“. Er zeigte, wie man diese Sonderform der Demenz differentialdiagnostisch nachweisen kann. Der Referent ging auf die aktuell möglichen medikamentösen Behandlungsansätze ein, sowohl auf die bislang bewährten Medikamente, als auch auf die neu zugelassenen Präparate zur Behandlung der Alzheimer-Demenz. Er beschrieb auch Nebenwirkungen, sogenannte „ARIA“-Phänomene, radiologische Veränderungen im Gehirn, die bei der Anti-Amyloid-Antikörper-Therapien auftreten können.
Schließlich zeigte Prof. Fink auch Präventionsmöglichkeiten auf. So sind 40 Prozent des Risikos modifizierbar. Insbesondere körperliche Aktivität gilt als beinflussbarer Risikofaktor bei präklinischer Alzheimer-Krankheit. Bereits 7.000 Schritte pro Tag, ergaben Studien, können eine Verzögerung der krankhaften Eiweißablagerung im Gehirn, die für die Alzheimererkrankung verantwortlich sind, um drei Jahren bewirken.

Autismus als Störung der Kommunikation 
Prof. Dr. Dr. Kai Vogeley, stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Köln, referierte zu Autismus als Störung der Kommunikation. „Wo liegt der Fokus, wenn wir uns mit Autismus beschäftigen?“ Es gilt, den Inhaltsaspekt und den Beziehungsaspekt zu unterscheiden, machte er an Beispielen klar. Autistischen Menschen fällt Empathie schwer – das führe im Alltag zu Schwierigkeiten. Ebenso bilde das „Lesen zwischen den Zeilen“ eine Hürde im Alltag betroffener Menschen.
Prof. Vogeley nennt Psychotherapie das Mittel der Wahl, um eine „Erweiterung des Verhaltensrepertoires“ zu erreichen. Er mahnte, dass es zu wenig Selbsthilfe- und Angehörigengruppen gebe, um Betroffene zu unterstützen.

Mit Psychedelika therapieresistente Depression therapieren
Prof. Dr. Gerhard Gründer fand einen international beachteten Weg in der Therapie psychisch kranker Menschen: Der Abteilungsleiter für Molekulares Neuroimaging am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, berichtete von seiner groß angelegten Studie, Psychedelika als Therapeutika in der Psychiatrie einzusetzen. Der Weg dorthin seit steinig gewesen, immerhin handele es sich um halluzinogene Substanzen. Doch nach Genehmigung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sowie durch die Ethikkommission und nach dem Beschaffen von Fördergeld aus dem Forschungsministerium legte er mit seinem Team los.

Die Studie EPIsoDE untersuchte den Einsatz von Psilocybin (der Wirkstoff ist aus berauschenden Pilzen, den sogenannten „Magic Mushrooms“, bekannt) bei Patientinnen und Patienten mit behandlungsresistenter Depression. Das Studiendesign sah drei Gaben unterschiedlicher Stärke vor, wobei alle Studienteilnehmenden mindestens einmal die höchste Dosis erhielten. Begleitet wurden Teilnehmende mit 14 Stunden Psychotherapie, welche laut Prof. Gründer die Effekte verstärke. Während der Gabe waren stets zwei psychiatrische Fachkräfte, darunter ein Arzt beziehungsweise eine Ärztin, zugegen.

Die Ergebnisse sind bemerkenswert. In der Follow up-Phase von zwölf Monaten konnte Prof. Gründer mit seinem Team feststellen, dass die schnelle deutliche Verbesserung im weiteren Verlauf erhalten blieb. Prof. Gründer rechnet damit, dass Psilocybin zur Behandlung therapieresistenter Depression zunächst eher in den USA als in Deutschland beziehungsweise in Europa eingesetzt wird, da noch eine Nutzenbewertung (eine Prüfung des Zusatznutzens gegenüber der Standardtherapie) erfolgen muss. Somit könnte es bei uns noch „Jahre bis zur breiten Versorgung“ dauern.

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