35. Alzeyer Symposium der Rheinhessen-Fachklinik

„Zukunftsforum Psychiatrie“ - Entwicklungen der modernen Psychiatrie im Fokus

Referent:innen des 35. Alzeyer Symposiums

Referent:innen: Dr med. Ulrike Berg, Isabella Müller, Dr. med. Andreas Vidal, Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Michael Huss, Prof. Dr. Hamidreza Jamalabadi, Alina Buschhüter, Timo Becker (es fehlt Dr. rer. nat. Sarah Alizadeh)

So wie sich unsere Lebenswelt verändert, so verändern sich auch die Medizin und das Gesundheitswesen - das Alzeyer Symposium war daher in seiner 35. Ausgabe als „Zukunftsforum Psychiatrie“ ausgerichtet, um die Teilnehmenden mitzunehmen und aktiv einzubinden bei einem fundierten Blick in die Zukunft. Bei der Planung der Tagung wurden „bewusst innovative Themen“ ausgewählt, sagte Prof. Dr. Michael Huss, Ärztlicher Direktor der Rheinhessen-Fachklinik und Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, und man achtete darauf, ein breites Spektrum an Zukunftsthemen abzubilden. 
Die Themen des Tages seien „ein Abbild dessen, was moderne Psychiatrie ausmacht“, so Pflegedirektorin Isabella Müller in ihrem Grußwort am Morgen der Veranstaltung. Und: „Das Programm zeigt, dass wir uns an einem Wendepunkt befinden.“ Künstliche Intelligenz und technische Disruption bildeten zugleich eine Chance, denn durch geringeren Administrationsaufwand bliebe am Ende mehr Zeit für Patientinnen und Patienten. Dazu müsse die Technik „uns den Rücken freihalten“. 
 
Medizin wie aus einem Science Fiction
Der erste Vortrag wirkte nicht nur wie ein Blick in die Zukunft, sondern wie aus einem Drehbuch für einen Science-Fiction-Streifen - allerdings soll das, was der Referent über seine Forschungen vortrug, tatsächlich in fünf Jahren Realität sein: Prof. Dr. Hamidreza Jamalabadi vom Psycontrol Lab der Philipps-Universität Marburg sprach über „Mindshift, Neurostimulation und KI in der Psychiatrie der Zukunft“. 
Interessant ist bereits die Tatsache, dass er Ingenieur und Neurowissenschaftler ist und kein Mediziner (das Psycontrol Lab arbeitet interdisziplinär). Erforscht werden verhaltensbezogene, neuronale und psychologische Dynamiken des Menschen. Im Bereich der computergestützten Psychiatrie (Computational Psychiatry) arbeitet man daran, herauszufinden, wie sich diese Dynamiken bei psychiatrischen Erkrankungen verändern lassen und wie sie gezielt vorhergesagt und kontrolliert werden können. Psychische Gesundheit, so Prof. Dr. Hamidreza Jamalabadi, brauche „harte Daten, vorhersagbar und individuell steuerbar“. Dieses Mental Health Engineering klinge vielleicht wie Science Fiction, doch diese Art zu arbeiten gebe es bereits in der Neurologie.
Der Referent berichtete von Studien, etwa zur Modulation kognitiver Erfahrungen durch Neurotechnik (“Mind Shift“) oder zu Symptom-Netzwerken („Simulieren, wie Symptome nächste Woche sein werden“). Neurostimulationsprotokolle werden durch eine KI erstellt.
 
Immense Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit
Dr. Ulrike Berg, niedergelassene Ärztin und Mitglied der Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), sprach über körperliche und psychische Gesundheit im Klimawandel und wusste zu sensibilisieren. Hitze im Hochsommer hat immense Auswirkungen auf den Körper, das „Gehirn leidet besonders“, Aggressivität und Entzündungsreaktionen gesteigert. nsgesamt, so Dr. Berg, steigt die Sterblichkeit bei Hitze „massiv“. 
Auch Medikamente können zu Problemen führen; die Referentin verwies auf die „Heidelberger Hitze-Tabelle“, ein Leitfaden, der aufzeigt, wie bestimmte Medikamente bei hohen Temperaturen die Wärmeregulation und den Flüssigkeitshaushalt beeinflussen.
Luftverschmutzung, Staub, Feinstaub, Lärmbelastung, die Zunahme von Erkrankungen, die früher nur in den Subtropen und Tropen vorkamen, durch Lebensmittel übertragene Erreger, eine erhöhte psychische Belastung durch die Klimakrise als reale Bedrohung, aber auch durch erhöhte Temperaturen an sich (die Suizidalität nimmt zu bei sprunghaftem Temperaturanstieg) - die Belastungen sind umfassend. „80 Prozent unsere Gesundheit entsteht außerhalb der Arztpraxen“, gab Dr. Ulrike Berg den Zuhörenden mit. 
 
Besser oder nicht? Auf jeden Fall anders: Gesundheitssystem in Schweden
Unser Gesundheitssystem steht vor einschneidenden Veränderungen. Immer mal wieder werden Beispiele aus anderen Ländern erwähnt, die mit anderen Systemen arbeiten. Mit Dr. Andreas Vidal, Chefarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Diakonie Klinikum Kirchen in Altenkirchen, bot das Alzeyer Symposium einen Arzt auf, der das schwedische Gesundheitssystem aus eigener Erfahrung kennt. 
Das zentralistisch finanzierte schwedische Sozial- und Gesundheitssystem mit nur einer Krankenkasse hat nur wenige private Leistungserbringer. Krankenhäuser werden von den Regionen betrieben, Fachärzte sind auch nur dort zu finden. Die Ambulantisierung ist entsprechend hoch (die Bettendichte ist die niedrigste in Europa). Die Versorgung in Schweden ist ressourcenorientiert mit klaren Indikationsvorgaben für Diagnostiken; dadurch wird die ärztliche Individualität allerdings auch eingeschränkt (der Referent sprach von einer „Kochbuch-Medizin“). Insgesamt gab der Vortrag einen interessanten Einblick in ein gänzlich anderes Gesundheitssystem und bot den zuvor von Prof. Dr. Huss angekündigten „Blick über den Tellerrand“. 
 
Vertiefende Workshops nach den Vorträgen
Die Vorträge des Vormittags dienten als Vorbereitung auf die vertiefenden Workshops am Nachmittag. Ob es um ein Hands-on zur Neurostimulation mit der extrakraniellen Vagusnervstimulation ging, um die sinnvolle Nutzung von KI im klinischen Alltag (KI ist ein Copilot, kein Pilot), um die Zusammenhänge zwischen dem Klimawandel und den Folgen für körperliche und seelische Gesundheit oder um Ideen für das deutsche Gesundheitssystem: Der Mehrwert für die Teilnehmenden war groß. 

Text und Foto: Wolfgang Pape

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