CAREvention - Die Zukunft der Pflege hat längst begonnen
Dritte Tagung des Landeskrankenhauses für APNs (Advanced Practice Nurses) brachte die Branche in Andernach zusammen
Die dritte APN-Tagung „CAREvention“ des Landeskrankenhauses in Andernach rückte mit Impulsen und praxisnahen Beiträgen insbesondere Pflegeentwicklung, Prävention und Gesundheitsförderung in den Fokus. Unter dem Motto „Verstehen - Vermitteln - Verändern“ wurde auch auf den Austausch der angereisten Teilnehmenden viel Wert gelegt. Und natürlich war es ein Thema, dass die akademisierte Pflege durch den Gesetzgeber endlich Rückenwind erhält.
Dr. Thorsten Junkermann, stellvertretender Geschäftsführer des Landeskrankenhauses, erwartet im Krankenhaussektor weitere tiefgreifende Veränderungen, wie er in seiner Begrüßung darlegte. Aktuell sei man wieder in einer Reformdiskussion (Stichwort: Sparvorschläge der Expertenkommission des Bundes, Anm. der Red.). „Das Krankenhaus in fünf Jahren wird nicht mehr so sein wie es heute ist.“ Man benötige Fachleute, aber auch eine effiziente Ressourcenverwendung, müsse Strukturen schaffen und angepasste Organisationsformen finden.
Anja Herber, stellvertretende Pflegedirektorin der Klinik Nette-Gut, sagte, die Tagung sei eine „besondere Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam die Pflege weiterzudenken". Für Yvonne Brachtendorf, Pflegedirektorin der Rhein-Mosel-Fachklinik, „haben sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen entscheidend verändert“. Neue, vom Gesetzgeber übertragene Kompetenzen seien ein „Meilenstein“. Ein eigenes APN-Gesetz fehle allerdings weiterhin, damit hochqualifizierte pflegefachliche Expert:innen auf Master-Niveau die Steuerung komplexer Fälle verbindlich eigenverantwortlich übernehmen können.
Pflegende müssen „Sprachkünstler“ sein
Die Pflegewissenschaftlerin Dr. Susanne Schoppmann beschäftigte sich im ersten Vortrag der Tagung mit dem Komplex „Sprache und Pflege“. Pflegende, sagte sie, „müssen wahre Sprachkünstler sein“, müssen abwägen, was sie zu wem sagen. Ein Beispiel: „Was denken Sie, wie sich ein psychiatrischer Patient fühlt, dem gesagt wird, er sei austherapiert?“ Wenn sich diese Einschätzung auch im pflegerischen Team festsetze, dann bliebe diesem Patienten im Grunde nur noch die Versorgung nach dem Prinzip „satt und sauber“. Sprachkompetenz gehe über die bloße Grammatik hinaus und sei als umfassendes Konstrukt für die berufsbezogene Sprachkompetenz von zentraler Bedeutung. Pflegende, so die Referentin, müssten „mindestens über grundlegende Sprachkompetenz verfügen“ und in der Lage sein, Fachsprache in die individuelle Sprache der Patienten zu übersetzen. Denn die Macht der Sprache, in diesem Falle der Fachsprache, könne auch zu einer Stigmatisierung führen.
Praxisbericht: Fallbegleitung als personenzentriertes Tätigkeitsfeld
Ein detaillierten Einblick in die Praxis gaben die Pflegeexperten APN Christopher Simon und Daniel Büller vom Klinikum Neumarkt, die über „das Konzept der Fallbegleitung als personenzentriertes Tätigkeitsfeld für Pflegexpert:innen APN mit einer CNS-Ausrichtung“ sprachen. Ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit sei eine intensive inter- und intraprofessionelle Zusammenarbeit. Sie seien kontinuierliche Ansprechpersonen, leiten gezielte evidenzbasierte pflegerische Interventionen ein. Bei Bedarf seien sie für Beratung, Schulung und Anleitung zu pflegerischen Themen da. Diese umfassende Befugniserweiterung allerdings, so die Referenten, brauche das Management der Klinik zur Unterstützung.
Als Vertreterin des Autorenteams stellte Dipl.-Pflegewirtin Silke Mathes, Stabsstelle Pflegeentwicklung des Pfalzklinikums, das Aufgabenprofil von Advanced Practice Nurses in der psychosozialen Gesundheitsversorgung vor, das im Auftrag der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz entwickelt wurde (abrufbar unter pflegekammer-rlp.de).
Erster Schritt des Gesetzgebers getan, APN-Gesetz wird erwartet
In sogenannten Sessions wurde anhand vieler Beispiele eindrucksvoll dargelegt, wie APNs heute schon arbeiten. Da ging es beispielsweise um aufsuchende, bedarfsorientierte Behandlung schwerer psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen („Home BASE“), um Grundlegendes wie den Einfluss der Berufsbezeichnung auf die wahrgenommene Kompetenz, aber auch um klinische Aspekte wie Mangelernährung im Krankenhaus im Fokus von Advanced Practice Nursing.
Abschließend berichteten Pflegedirektorin Yvonne Brachtendorf und Sarah Jordan, Pflegeexpertin APN in der Allgemeinpsychiatrie (beide Rhein-Mosel-Fachklinik), über die gesetzliche Erweiterung der Pflegekompetenzen und bezogen das Auditorium aktiv mit ein bei der Frage, was das Management nun tun muss.
Das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege, seit Januar 2026 in Kraft, überträgt Pflegefachpersonen mehr Verantwortung und Kompetenzen, soll Bürokratie reduzieren und ermöglicht qualifizierten Pflegefachpersonen heilkundliche Tätigkeiten (im Bereich der Wund-, der Diabetes- und Demenzversorgung) eigenverantwortlich auszuüben. Die pflegerische Diagnose wird als Rechtsbegriff eingeführt, was zu einer rechtlichen Absicherung eigenverantwortlicher Pflegeentscheidungen führt. Letztlich wird die Relevanz des Bachelor-Niveaus gestärkt.
Ein eigenes APN-Gesetz, das den Einsatz von Advanced Practice Nurses abschließend regelt, steht noch aus (für 2026 / 2027 erwartet). Deutschland hinkt im internationalen Vergleich hinterher - in den USA beispielsweise zeigt sich, dass hochqualifizierte Pflegefachpersonen auf Master-Niveau bestens in der Lage sind, komplexe Versorgungsprozesse eigenverantwortlich zu steuern. Die Erwartungen an das deutsche Gesetz sind also hoch.
Beiträge, die zeigen, „wie sich Pflege entwickelt“
Pflegedirektorin Yvonne Brachtendorf verabschiedete die Teilnehmenden der dritten APN-Tagung des Landeskrankenhauses mit dem Versprechen, dass man sich im kommenden Jahr zur vierten Ausgabe dieser zukunftsweisenden Veranstaltung wiedersehen wird. Anja Herber von der in diesem Jahr gastgebenden Klinik Nette-Gut blickte nach der Tagung auf einen „sehr spannenden Tag mit ganz tollen Beiträgen, die zeigen, wie sich Pflege entwickelt“ zurück. In vielen Beiträgen wurde deutlich, dass theoretische Ansätze in den Kliniken schon gelebt werden. Das ebnet den Weg, wenn von gesetzgeberischer Seite die Pflege endgültig das tun darf, was sie längst kann. „Der heutige Tag, so Anja Herber, zeigt die Pflege ist bereit und geht die Entwicklung motiviert mit.“
