Dr. Barbara Deimling: „Hinter jeder Zahl steht ein Mensch“

Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach: Interview mit Chefärztin der Gerontopsychiatrie zur Suizidprävention

Dr. Barbara Deimling ist Chefärztin der gerontopsychiatrischen Abteilung.

Die Zahl der Suizide in Deutschland ist weiter gestiegen. 2025 haben sich 11.334 Menschen das Leben genommen. Das teilt das Statistische Bundesamt mit. Das waren 964 Fälle (9,3 Prozent) mehr als im Vorjahr - und 15,6 Prozent mehr als im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Im Interview erklärt Dr. Barbara Deimling, Chefärztin der gerontopsychiatrischen Abteilung unserer Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach, unter anderem, warum es wichtig ist, über suizidale Gedanken zu sprechen, sie beschreibt Risiken und Warnsignale und warum gerade ältere Menschen gefährdet sind.

 
Frage: Frau Dr. Deimling, Jüngst haben Sie in Bad Ems einen Vortrag zum „Welttag der Suizidprävention“ mit dem Titel „Reden wir darüber“ gehalten. Warum ist es wichtig, das Thema Suizidalität in die Öffentlichkeit zu bringen? Warum müssen wir darüber reden?
Dr. Barbara Deimling: Zunächst sind es die Zahlen, die aufrütteln. Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland mehr als 10.000 Menschen das Leben. Das sind mehr Menschen, als im Straßenverkehr sterben. Und hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch, ein individuelles Schicksal. Seit 1980 sind die Suizidzahlen in Deutschland zwar deutlich zurückgegangen. Das spricht auch für eine verbesserte psychiatrische Versorgung und eine größere Sensibilität in der Öffentlichkeit. Seit 2022 beobachten wir allerdings wieder einen leichten Anstieg. Die Ursachen sind noch nicht abschließend geklärt. Dabei muss auch die zunehmende Zahl assistierter Suizide berücksichtigt werden.

Für mich stellt sich deshalb die Frage: Tun wir als Gesellschaft, und insbesondere wir als Ärztinnen und Ärzte, wirklich alles, was wir tun können? Wir wissen, dass Gespräche Menschen mit Suizidgedanken erreichen können. Und dennoch scheuen sich viele, das Thema direkt anzusprechen. Dahinter steht häufig die Befürchtung, man könnte jemanden durch eine solche Frage überhaupt erst auf den Gedanken bringen, sich das Leben zu nehmen. Das ist ein weitverbreiteter Irrtum. Untersuchungen zeigen vielmehr, dass das offene Ansprechen als Entlastung empfunden wird. Endlich darf man etwas aussprechen, das zuvor möglicherweise lange verschwiegen wurde. Entscheidend ist jedoch, wie wir darüber sprechen. Das gilt für persönliche Gespräche ebenso wie für die Berichterstattung in den Medien. Wir kennen den sogenannten Werther-Effekt: Eine sensationelle, dramatisierende oder allzu detaillierte Darstellung von Suiziden kann Nachahmungen begünstigen. Wir müssen also darüber reden. Offen, aber mit der notwendigen Sensibilität. Denn Schweigen hilft den Betroffenen nicht.

Frage: Sind Menschen mit Todeswunsch per se psychisch krank? 
Dr. Barbara Deimling: Nein. Es gibt psychische Erkrankungen, die mit einem erhöhten Suizidrisiko verbunden sind, insbesondere schwere Depressionen, aber auch bipolare Erkrankungen, Schizophrenien und Suchterkrankungen. Dennoch ist nicht jeder Todeswunsch Ausdruck einer psychischen Erkrankung. Das Bundesverfassungsgericht hat 2020 das Recht auf selbstbestimmtes Sterben bekräftigt. Dieses Recht ist nicht auf bestimmte Lebenssituationen oder Krankheitsbilder beschränkt. Für mich ist das zunächst eine Frage des Respekts vor der Autonomie eines Menschen. Deshalb ist mir auch die Sprache wichtig: Ich spreche bewusst von Suizid und nicht von „Selbstmord“. Mord bezeichnet ein Verbrechen. Ein Suizid ist kein Verbrechen.
 
Die schwierige Frage lautet allerdings: Ist ein Mensch in der konkreten Situation in der Lage, seinen Willen frei und selbstbestimmt zu bilden? Hat er die Tragweite seiner Entscheidung erfasst? Kann er Alternativen abwägen oder ist sein Denken beispielsweise durch eine schwere depressive Erkrankung eingeengt? Das muss sorgfältig und individuell beurteilt werden. Eine psychiatrische Diagnose allein bedeutet nicht, dass jemand grundsätzlich unfähig wäre, selbstbestimmt zu entscheiden. Umgekehrt dürfen wir nicht übersehen, wie stark eine Erkrankung das Erleben und Urteilen beeinflussen kann. Gerade deshalb ist es unsere ärztliche Aufgabe, behandelbare Erkrankungen zu erkennen, Leid zu lindern und Menschen wieder Handlungsspielräume zu eröffnen. Ich bin Ärztin geworden, um Menschen dabei zu helfen, möglichst selbstbestimmt zu leben. Diese Haltung bestimmt auch meinen Blick auf die Suizidprävention. Selbstbestimmung ernst zu nehmen, heißt für mich ebenso, alles dafür zu tun, dass eine behandelbare Krise nicht vorschnell als ausweglos erlebt wird.
 
Frage: Die Suizidrate steigt im Alter stark an. Kümmern wir uns als Gesellschaft zu wenig um unsere Senioren? 
Dr. Barbara Deimling: Ich würde diese Frage tatsächlich mit Ja beantworten. Seit ich die Gerontopsychiatrie leite, begegnen mir immer wieder Situationen, die mich erschüttern. Da geht es auch darum, wie wir mit alten Menschen umgehen und wie schnell aus Fürsorge ein Abschieben werden kann. Besonders hoch ist das Suizidrisiko bei älteren Männern. Im höheren Alter können sich Belastungen verdichten: körperliche Erkrankungen, der Verlust nahestehender Menschen, zunehmende Abhängigkeit von Hilfe und das Gefühl, nicht mehr über das eigene Leben bestimmen zu können. Manche ältere Menschen erleben sich irgendwann als überflüssig. Das ist ein zutiefst schmerzhafter Gedanke.
 
Bei Männern kommt häufig eine kulturelle Prägung hinzu, die wir nicht unterschätzen dürfen. Viele sind noch mit der Vorstellung aufgewachsen, stark sein zu müssen, Gefühle nicht zu zeigen und Probleme allein zu lösen. Um Hilfe zu bitten, fällt ihnen dann besonders schwer. Natürlich gilt das nicht für jeden Mann, aber es ist ein sozio-kulturelles Muster, dem wir in der Klinik begegnen. Frauen berichten häufiger von Suizidgedanken, während Männer häufiger an einem Suizid sterben. Das sagt nichts über die Ernsthaftigkeit des Leidens aus. Es zeigt vielmehr, wie wichtig es ist, Warnsignale wahrzunehmen und gerade diejenigen anzusprechen, die ihre Not nicht von selbst zeigen.

Frage: Zu den Gründen von Suiziden forschte bereits Ende des 19. Jahrhunderts der französische Soziologe Émile Durkheim. Er sah eine Gefahr in der Moderne. In der Folge schnellen Wandels verlören Werte ihre Bindungskraft, was zu sozialer Desintegration und steigenden Raten von Sinnkrisen oder Suiziden führen könne, schrieb er. Lassen sich solche Analysen auch auf die heutige Zeit anwenden?
Dr. Barbara Deimling: Ja, ich finde sie sogar erstaunlich aktuell. Menschen brauchen Zugehörigkeit. Wer sich nicht mehr als Teil einer Gemeinschaft erlebt, kann in eine tiefe Isolation geraten. Menschen, die einen Suizidversuch überlebt haben, beschreiben mitunter einen regelrechten Tunnelblick: In diesem Moment scheint es keinen Ausweg und keinen erreichbaren anderen Menschen mehr zu geben.

Mich beschäftigt besonders, wie viele junge Menschen von Einsamkeit sprechen. Wir verbinden Einsamkeit oft mit dem Alter, aber sie ist längst kein ausschließliches Problem älterer Menschen. Die sozialen Medien können Kontakte erleichtern, sie ersetzen jedoch nicht immer Nähe und Verbindlichkeit. Viele digitale Kontakte zu haben bedeutet nicht zwangsläufig, sich getragen zu fühlen. Hinzu kommt eine Erfahrung, die ich schon in meiner früheren Arbeit mit Menschen mit Depressionen und Traumafolgestörungen gemacht habe: Gerade junge Patientinnen und Patienten fragen, welche Zukunft sie überhaupt noch erwartet. Dahinter stehen Unsicherheit und nicht selten eine große Hoffnungslosigkeit. 
 
Ich erlebe auch Eltern, die mit diesen Fragen selbst überfordert sind. Deshalb halte ich die Vermittlung von Werten für so wichtig. Werte geben Orientierung und können Hoffnung stiften. Diese Aufgabe können wir nicht allein an Schulen oder staatliche Institutionen delegieren. Sie betrifft uns als Gesellschaft, und sie beginnt dort, wo Menschen einander begegnen.

Frage: In Ihrem Vortrag in Bad Ems sprachen Sie über Risikofaktionen und Warnsignale. Egal, wie gut ich diese kenne, lastet eine große Last auf meinen Schultern, wenn ich mit der Situation konfrontiert werde, dass sich jemand aus meinem Umfeld das Leben nehmen möchte. Kann man pauschal Tipps geben, zum Beispiel zur Gesprächsführung und wo schnell professionelle Hilfe gefunden werden kann?
Dr. Barbara Deimling: Das Wichtigste ist, die Frage überhaupt zu stellen. Wer den Eindruck hat, dass ein Mensch nicht mehr leben möchte, darf ihn direkt darauf ansprechen. Damit macht man nichts schlimmer. Im Gegenteil: Man eröffnet die Möglichkeit, über etwas zu reden, das vielleicht bislang unaussprechlich war. Wenn jemand sagt: „Ja, ich habe Suizidgedanken“, sollte man das ernst nehmen, zuhören und gemeinsam den nächsten Schritt suchen. Dabei ist es wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen. Angehörige und Freunde sollten nicht selbst zu Therapeuten werden. Sie können begleiten, aber eine fachliche Einschätzung nicht ersetzen.
 
Anlaufstellen sind beispielsweise die Hausärztin oder der Hausarzt, psychiatrische Behandlungsangebote und der Sozialpsychiatrische Dienst. Über die Telefonnummer 116117 erreicht man den ärztlichen Bereitschaftsdienst, wenn eine dringliche medizinische Einschätzung nötig ist und keine unmittelbare Lebensgefahr besteht. Bei akuter Gefahr muss man die 112 wählen, oder direkt die Notaufnahme der psychiatrischen Klinik aufsuchen. Entscheidend ist, dass ein Mensch mit einer akuten Krise nicht allein gelassen wird und rasch professionelle Hilfe erhält.
 
Frage: Sind Sie als Ärztin oft mit dem Thema Suizid beschäftigt? 
Dr. Barbara Deimling: Jeden Tag. Das klingt vielleicht drastisch, aber es gehört zu unserem klinischen Alltag. In meiner früheren Funktion als Sektionsleiterin für Depression und Trauma habe ich auch die Arbeit auf einer geschützten Akutstation verantwortet. Dort werden regelmäßig Menschen aufgenommen, die sich in einer schweren suizidalen Krise befinden. Auch in der Gerontopsychiatrie ist das Thema ständig präsent. Damit ist eine große Verantwortung verbunden. Und eines möchte ich ausdrücklich sagen: Eine Depression und auch suizidale Gedanken können jeden Menschen treffen. Niemand ist grundsätzlich davor gefeit.

Frage: In Berichten über das Thema Suizid wird gar nicht, bestenfalls selten über die Hinterbliebenen gesprochen. Da muss doch einiges zurückbleiben, wenn zum Beispiel der Ehemann, die Ehefrau freiwillig aus dem Leben geht. Was macht das mit den Hinterbliebenen? 
Dr. Barbara Deimling: Das ist ein großes Thema. Wir begegnen in der Klinik auch Menschen, die noch Jahre nach dem Suizid eines Angehörigen unter den Folgen leiden. Was sie erleben, ist oft ein kaum auszuhaltendes Nebeneinander widersprüchlicher Gefühle. Da sind zunächst häufig schwere Schuldgefühle: Warum habe ich nichts bemerkt? Hätte ich etwas verhindern können? Habe ich nicht genug getan? Diese Fragen können Menschen über lange Zeit verfolgen. Hinzu kommt eine tiefe Einsamkeit. Und dann ist da oft auch Wut: Warum hast du mich verlassen? Warum hast du mir das angetan? Kaum ist diese Wut da, folgt manchmal schon das schlechte Gewissen darüber. Darf ich überhaupt wütend sein? Genau diese Gleichzeitigkeit macht die Trauer nach einem Suizid so schwer. Schuld, Wut, Liebe, Hilflosigkeit und Verzweiflung stehen nebeneinander. Und jedes dieser Gefühle hat seinen legitimen Platz.
 
Leider gibt es für Hinterbliebene noch immer zu wenig Unterstützung. Sehr hilfreich können Selbsthilfegruppen sein. Dort treffen Menschen auf andere, die Ähnliches erlebt haben. Sie müssen sich nicht erklären und merken: Ich bin mit meinen Gedanken und Gefühlen nicht allein. Das kann eine enorme Entlastung sein. Manchmal reicht diese Unterstützung allerdings nicht aus. Wenn die Verzweiflung anhält, das Leben dauerhaft beeinträchtigt ist oder sich eine psychische Erkrankung entwickelt, ist professionelle Hilfe wichtig. Auch dafür sind wir da.
 
Frau Dr. Deimling, vielen Dank für das Gespräch.

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