Welt-Alzheimertag sensibilisiert für Volkskrankheit

Bereits 1,8 Millionen Deutsche sind betroffen - Ärztlicher Direktor rät zur gesundheitlichen Vorbeugung

In der Geriatrischen Fachklinik Rheinhessen-Nahe werden Patientinnen und Patienten zu Gruppenaktivitäten animiert. Foto: Landeskrankenhaus / Tobias Vollmer

Der Umgang mit Demenz gehört zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen: Weltweit sind rund 55 Millionen Menschen von der Erkrankung betroffen (bis 2050 werden bis zu 139 Millionen prognostiziert). In Deutschland leben heute etwa 1,8 Millionen Menschen (und ihre Familien) mit der Diagnose, in Rheinland-Pfalz sind es mehr als 80.000. Anlässlich des Welt-Alzheimertags am 21. September und in der sich anschließenden Woche wird auf die Situation der Betroffenen aufmerksam gemacht. 
 
Die Häufigkeit der Erkrankung nimmt im Alter zu, erklärt der Geriater, Internist, Diabetologe und Palliativmediziner Dr. Jochen Heckmann, seit 25 Jahren Ärztlicher Direktor der Geriatrischen Fachklinik Rheinhessen-Nahe (GFK), in der Trägerschaft des Landeskrankenhauses. Aber es ist „eine Frage der Ausprägung“ - es gibt auch Betroffene, die mit der Diagnose einen weitgehend normalen Alltag absolvieren können. Und: Nicht jeder Senior, nicht jede Seniorin wird automatisch dement - in Deutschland leben derzeit 20 Millionen Menschen, die älter als 65 sind, sechs Millionen sind sogar älter als 80 Jahre alt. Alt werden bedeute nicht automatisch, die Diagnose Demenz zu erhalten. Es gebe beispielsweise deutlich mehr Diabetiker als Demenzkranke, sagt Dr. Heckmann, der Vorstandsmitglied des Bundesverbands Geriatrie und Sprecher des Landesverbands Geriatrie Rheinland-Pfalz ist.
 
Der Begriff „Demenz“ bedeutet nicht Alzheimer, vielmehr stecken dahinter unterschiedliche Formen einer Erkrankung. „Demenz“, so Dr. Jochen Heckmann, „ist lediglich eine Syndrombezeichnung“, also eine Kombination verschiedener Krankheitszeichen, verschiedener Symptome, die typischerweise gleichzeitig auftreten und auf eine gemeinsame Ursache hinweisen. Es gibt beispielsweise eine vaskuläre Demenz oder eine frontotemporale Demenz (und weitere). Die Alzheimer Demenz macht 60 bis 70 Prozent aller Fälle aus. 
 
In der Geriatrie werden Menschen ganzheitlich behandelt
Für die Fachleute bedeutet dies, dass sie ein sehr breites Wissensspektrum haben müssen, um demente Patientinnen und Patienten zu behandeln. Gerade in der Geriatrie kommen Menschen an, die multimorbide sind, also verschiedene Krankheiten mitbringen. Das geht nur, wenn die Menschen ganzheitlich behandelt werden. Der „Klassiker“, ein Oberschenkelhalsbruch bei einem alten Menschen, der operiert werden muss, ist ungleich komplizierter zu behandeln, wenn dabei die Diagnose Alzheimer besteht: Die Schmerzerkennung ist schwieriger; das wiederum begünstigt ein Delir und macht ein Schmerzmanagement schwierig. Die Krankenhausumgebung an sich kann bei Alzheimer-Patienten akute Verwirrtheitszustände auslösen und zu einem postoperativen Delir führen. Immobilität nach dem Bruch kann zu weiteren Komplikationen führen. Fachleute sind also sehr gefordert bei Behandlungen.
 
Geriatrische Fachkliniken und Gerontopsychiatrien für Demenz-Patienten
Darauf haben sich Fachkliniken wie die GFK in Bad Münster am Stein-Ebernburg längst eingestellt. Vor einigen Jahren wurde beispielsweise die Tandem-Station eingerichtet, auf der speziell geschulte Mitarbeitende wirken. Angehörige können mit anreisen und während der Therapie rund um die Uhr bei den Betroffenen sein. Alle Therapien finden auf der Station statt, es gibt feste Ansprechpartner - und partnerinnen. Insgesamt hat das Landeskrankenhaus mit einer großen Erweiterung und Modernisierung der Geriatrischen Fachklinik Rheinhessen-Nahe aus einer einstigen Rehaklinik ein Leistungszentrum für Altersmedizin geformt, das mit Tagesklinik und mobilen Trupps die Patientinnen und Patienten auch versorgt, wenn sie nicht in der Klinik versorgt werden müssen.
Über dieses Angebot hinaus hat das Landeskrankenhaus an zwei Standorten große Gerontopsychiatrien (Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach und Rheinhessen-Fachklinik Alzey). In der Gerontopsychiatrie werden Demenzkranke behandelt, wenn schwere Begleitsymptome, Verhaltensauffälligkeiten oder Krisen auftreten, die im Alltag zu Hause oder im Pflegeheim nicht mehr bewältigt werden können. Auch hier gibt es Tageskliniken und aufsuchende Betreuung. 
 
Land hat eigenes „Expertenforum Demenz“
Das genügt für das gesamte Land natürlich nicht. Daher treibt die Landesregierung seit 2013 mit dem Expertenforum Demenz, einem Gremium mit ausgewiesenen Fachleuten, dem auch Dr. Jochen Heckmann angehört, die Weiterentwicklung der Versorgung im Bundesland voran. 
 
Wir alle können etwas tun
Als Arzt kann er den Betroffenen bedauerlicherweise noch immer kein Medikament anbieten, das eine Demenz heilt. Sehr wenige Medikamente können den Krankheitsverlauf verzögern, sagt er. Medikamente, die beispielsweise das Amyloid-Protein binden, funktionieren nur in ganz wenigen Fällen einigermaßen, sehr eingeschränkt und mit Nebenwirkungen. Die Entwicklung von Medikamenten habe auch damit zu tun, so Dr. Heckmann, dass die Wissenschaft noch immer uneinig über die Ursachen sei. Aber alle können selbst etwas tun, um die Entstehung einer Demenz wenigstens lange hinauszuzögern. An der Entstehung sind mehrere Faktoren beteiligt - der wichtigste Faktor ist ein hohes Lebensalter. Genetische Faktoren und die körperliche Gesundheit, Lebensgewohnheiten und Umwelteinflüsse spielen eine Rolle.

Gänzlich ausschließen kann man eine Demenz-Erkrankung nicht. Aber einige Ursachen ausschließen zu können, ist immerhin eine gute Möglichkeit, die man beherzigen sollte. Dazu gehört, aufs Rauchen zu verzichten, sich regelmäßig zu bewegen statt körperlich inaktiv zu sein, soziale Kontakte zu pflegen. Bildung, gesunde Ernährung, Vermeidung von hohen Cholesterinwerten und Bluthochdruck sind weitere Punkte, die man für sich und seine Angehörigen zum Ziel machen sollte, um lange gesund zu bleiben. Zusätzlich kann man so auch weiteren Erkrankungen vorbeugen.

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