Werk von Ernst Riegel wiederentdeckt

Alte Kanne findet würdigen Platz - Eine Kanne von 1908 sorgt rund um die RFK Alzey für Aufsehen, denn es ist nicht einfach nur eine „alte Kanne“ aus Messing, sondern ein Werk des berühmten Jugendstil-Goldschmieds Ernst Riegel und hat einen großen kunsthistorischen Wert.

Kanne von Ernst Riegel 1
Kanne von Ernst Riegel 1
Kanne von Ernst Riegel 1

Alzey. Bares für Rares-Experte Albert Maier hätte sicher seine helle Freude an dem Fundstück. Man hört ihn direkt sagen: „Die Werke des Gold- und Silberschmieds Ernst Riegel, der von 1871 bis 1939 lebte, finden sich heute in Museen weltweit. Der Alzeyer Kelch indes war Teil einer Garnitur, die die Kapelle der Fachklinik 1908 zur Einweihung von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt als Geschenk erhielt. Die Garnitur bestand neben der Kanne noch aus einem Kelch und einer sogenannten Patene.“ Nur eine Händlerkarte würde es nicht geben, denn zu verkaufen ist das wiederentdeckte Schätzlein nicht.

Zurück zur Geschichte: Der Großherzog Ernst Ludwig widmete sich intensiv dem Ausbau der von ihm 1899 gegründeten Darmstädter Künstlerkolonie - Darmstadt wurde zur deutschen Hauptstadt des Jugendstils. Er wollte seinen eigenen Architektur- und Kunststil, weiß Pfarrer Dr. Gerald Schwalbach, evangelischer Klinikseelsorger der Rheinhessen-Fachklinik Alzey (RFK).

Also ordnete Ernst Ludwig an, der formell auch Chef der evangelischen Kirche Hessen-Darmstadt war, dass jede neu erbaute Kirche liturgische Gerätschaften in seinem neuen Stil anschaffen sollte, so der Seelsorger. Offensichtlich waren nicht alle Gemeinden davon angetan vom neuen Kunststil.

Und auch schon damals spielten Kosten eine Rolle: Der Großherzog musste irgendwann einsehen, dass solch opulente liturgische Gerätschaften für arme Gemeinden schlicht zu teuer waren. Daher ließ er die Werkstatt Riegels auch Garnituren in Messing anfertigen. So ist auch die Kanne der RFK hergestellt.

Richtig gut zu gebrauchen, war das gute Stück wohl nicht. Der Krug ist innen vergoldet, da Messing den Geschmack des Messweins verändert. Aber die Vergoldung hält nur eine gewisse Zeit, wenn er regelmäßig gereinigt wird. Zum Abendmahl kann man ihn daher heute nicht mehr benutzen, sagt Schwalbach.

So erklärt sich auch, warum die Alzeyer Kanne eine Rarität ist. Die Stilistik gefiel vielen nicht und das Material hatte keinen außerordentlichen Wert. Nur ein weiterer Messingpokal ist bekannt, hingegen 30 Sets aus Silber.

Dr. Gerald Schwalbach erhielt den Krug 2001 bei der Amtsübergabe von seinem Vorgänger. Auf den kunsthistorischen Wert wurde er erst aufmerksam durch den Anruf von Dr. Dörte Folkers vom Ortskuratorium Wiesbaden der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Sie plant im September zum „Tag des offenen Denkmals“ eine virtuelle Ausstellung zum 150-sten Geburtstag von Ernst Riegel mit allen Werken in der Region. Die Messinggarnitur der Alzeyer Klinikkapelle fand sie in einer Zeitschrift von 1912.

Kanne stand viele Jahre zwischen Blumenvasen

Die Kanne wurde bis zu dem Anruf zwischen den Blumenvasen der Kapelle aufbewahrt - nun ist sie sicher verwahrt unter Verschluss. Nun erkennt man auch die ganze Pracht der 40 Zentimeter großen Kanne mit den aufgelöteten Silberkreuzen und den gepunkteten eingeschlagenen Kreuzen. Den Deckel zieren die für den Jugendstil der Mathildenhöhe typischen Spiralen, die sich auch an anderen Orten in der RFK-Kapelle entdecken lassen. 

Auch im Rahmen des Tags des offenen Denkmals am 12. September 2021 wird das Fundstück präsentiert. Informationen zu der überwiegend digitalen Veranstaltung erhalten Sie hier: https://www.tag-des-offenen-denkmals.de/ 

Wolfgang Pape

Präsentation von Dörte Folkers

zurück