Alzeyer gedenken der Opfer des Nationalsozialismus

Internationaler Gedenktag - Leid von hunderten Frauen stand im Zentrum des Gedenkens in der Rheinhessen-Fachklinik Alzey

Nach dem Gottesdienst wurden Kränze am Mahnmal der RFK Alzey niedergelegt, das an die Alzeyer Patientinnen und Patienten erinnert, die durch die Nationalsozialisten getötet wurden. Foto: Landeskrankenhaus / Eisenhauer

Alzey. In der Rheinhessen-Fachklinik Alzey (RFK) trafen sich am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, Mitarbeitende, Führungskräfte und Auszubildende der Klinik, Landrat Heiko Sippel und Alzeys Bürgermeister Steffen Jung, Psychiatrieerfahrene sowie Schüler:innen der Realschule Plus, um gemeinsam in einem Gottesdienst und bei einer Kranzniederlegung die Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit wachzuhalten.


„Wir erinnern heute an die dunkelsten Jahre der deutschen Geschichte“, sagte der katholische Klinikseelsorger, Diakon Stefan Brux. Es ist nicht leicht, sich mit den Schicksalen der Menschen in der NS-Zeit auseinanderzusetzen, weiß er. „Und dennoch sind solche Veranstaltungen wichtig! Es geht darum, das Unfassbare, das geschehen ist, eben nicht zu verschweigen.“ Damit stelle man sich zugleich den Versuchen entgegen, den Holocaust und die systematische Verfolgung verschiedener Opfergruppen zu leugnen. „Wir wollen heute genau daran denken, wollen das Geschehene reflektieren und für die Gegenwart lernen.“ Denn „Gedenken und Erinnern an die Vorgänge damals (…) schärft das Bewusstsein und schafft Sensibilität für aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, die in eine falsche Richtung gehen“.


Es sei wichtig, so Diakon Brux, sich gegen Ausgrenzung einzusetzen und Solidarität zu zeigen mit den Leidtragenden. „Das ist sicher nicht immer einfach, aber Demokratie lebt von unten, vom gesellschaftlichen Engagement und von der Übernahme von Verantwortung vieler.“


Im Gedenkgottesdienst wolle man sich in diesem Jahr besonders den Frauen widmen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, sagte Renate Rosenau, Arbeitsgruppe NS-Psychiatrie in Rheinhessen und Rheinland-Pfalz. „Stellvertretend für die verfolgten Frauen aus dem Kreis Alzey-Worms widmen wir uns Schicksalen von Frauen, die als Kranke oder als Personal in den damaligen Landes-Heil- und Pflegeanstalt lebten und arbeiteten.“ Seit 1941 waren darunter auch Zwangsarbeiterinnen aus 17 Nationen.


Ergreifende Einzelschicksale
Erst richtig fassbar und besonders ergreifend werden die Taten dieser Zeit, wenn Einzelschicksale beleuchtet werden. Fünf Auszubildende der Pflegeschule trugen daher exemplarisch fünf Schicksale von Frauen vor. Man hörte beispielsweise von Martha Hausmann, der ersten Alzeyer Patientin, die 1940 ermordet wurde, weil sie krank war. Anna Biersack wurde in der Tötungsanstalt Hadamar getötet, weil sie als Patientin als nicht beschäftigungsfähig eingestuft wurde. Philippine Bünger überlebte das KZ Ravensbrück. Mehr als 20 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur beantragte sie ihre Rente und wurde noch immer mit einem Wortlaut eingestuft, der in der NS-Zeit üblich war. Man hörte von Anna Proß, die nur überlebte, da sie als arbeitsfähig eingestuft wurde und so der T4-Aktion der Nationalsozialisten entging. „Diese Frauenschicksale“, so Renate Rosenau, „stehen stellvertretend für hunderte Frauen – und Männer – aus Alzey und dem Alzeyer Land. Wir gedenken ihrer in Respekt und Trauer.“


Der 27. Januar ist der internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Dieses Datum erinnert an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 durch sowjetische Truppen. Seit 1996 wird bundesweit der Opfer des NS-Regimes gedacht, seit 2005 ist der Tag ein internationaler Gedenktag. Wolfgang Pape

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